Deutschstunde – Verfilmung eines Literaturklassikers

Am 3. Oktober 2019 startete »Deutschstunde« in den Kinos. Vorlage ist der gleichnamige Roman von Siegfried Lenz, ein Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur aus dem Jahr 1968. 50 Jahre später wagte sich Christian Schwochow an den Stoff. Ihm gelang eine überzeugende und bildgewaltige Inszenierung.

Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), Siggi Jepsen (Levi EisenblaÌtter) © Georges Pauly / ZDF / Senator
Deutschstunde – Verfilmung eines Literaturklassikers

Produktionsjahr: 2019
Genre: Drama
Länge: 2h 10m

Der Plot

Worum geht es? Deutschstunde in einer Jugendstrafanstalt im Norddeutschland der 1950er Jahre: Siggi Jepsen soll einen Schulaufsatz über »Die Freuden der Pflicht« schreiben. Überwältigt von Erinnerungen bringt er zunächst kein Wort zu Papier. Daraufhin in eine Arrestzelle gesteckt, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Denn mit Pflicht kennt er sich aus. Seine Kindheit und Jugend waren beherrscht von seinem autoritären Vater, dem Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen.

Der war es auch, der dem Expressionisten Max Ludwig Nansen die Nachricht vom Malverbot überbrachte, das die Nazis im fernen Berlin gegen ihn verhängt hatten. Zu Nansens ungläubigem Erstaunen machte sich Jepsen sofort daran, das Malverbot zu überwachen. Sohn Siggi soll ihn dabei unterstützen und den Maler bespitzeln. Denn Pflicht sei Pflicht, wird Nansens Jugendfreund nicht müde zu wiederholen, auch im letzten Winkel hinterm norddeutschen Deich. Nansen malt trotz Verbot und Siggi sitzt zwischen den Stühlen: hier der autoritäre Vater, dort der geliebte Patenonkel und Maler.

Am Ende wird Jepsens maßlose Pflichtversessenheit nicht nur die Freundschaft verraten haben. Zwei Familien sind zerstört, und Siggi trägt schwer an der seelischen Last. Mit dem Aufsatz beginnt er, sich von der Vergangenheit zu befreien. Als er das Gefängnis vorzeitig verlassen darf, keimt beim Zuschauer so etwas wie Hoffnung auf. 

Vorlage ist der gleichnamige Roman von Siegfried Lenz, ein Klassiker der deutschen Nachkriegsliteratur aus dem Jahr 1968.

Die Schauspieler

Das Drehbuch stammt von Heide Schwochow, der Mutter des Regisseurs. Der Film hält sich eng an die Buchvorlage – und geht in seiner Eindringlichkeit doch darüber hinaus. Das Personal des Romans wird im Film auf wenige Charaktere zusammengestrichen, die jedoch umso überzeugender wirken, und allesamt sehr gute schauspielerische Leistungen zeigen.

In der Rolle des verfolgten Malers Nansen kämpft Tobias Moretti einen aussichtslosen Kampf. Seinen Gegenpart des pflichtbesessenen Polizeipostens Jepsen stellt Ulrich Noethen so überzeugend dar, dass die grausame Kälte, aber auch seine Zerrissenheit zwischen Moral und Pflichterfüllung, von der Leinwand aufs Publikum überspringen. Nachwuchstalent Levi Eisenblätter spielt den jungen Siggi, der vom Vater aufgehetzt und vom verehrten Maler instrumentalisiert wird, mit viel Feingefühl. Tom Gronau verkörpert dessen ältere Version. Eindrücklich auch die Frauenfiguren: Johanna Wokalek als Ditte Nansen und Sonja Richter als Gudrun Jepsen. Beide werden im Film sehr viel genauer gezeichnet als im Buch.

Rugbüll kann überall sein

Jens Ole Jepsen ist ein Paradebeispiel für unbedingten Gehorsam gegenüber der Obrigkeit. Diese den Deutschen nachgesagte Eigenschaft sorgte dafür, dass die Nazis leichtes Spiel hatten. Dennoch bildet der Nationalsozialismus im Film eher den zeitgeschichtlichen Hintergrund für Beobachtungen, die sich auch auf die Gegenwart übertragen lassen. Bei Schwochow ist Rugbüll vor allem ein deutsches Dorf, ein Mikrokosmos, der zufällig hoch im Norden hinterm Deich liegt. Hier wird das »deutsche Wesen« auf beklemmende Art seziert: Kann ich schuldig werden, wenn ich doch nur Befehle ausführe, oder gibt es so etwas wie persönliche Verantwortung?

Der Film als künstlerische Antwort auf das Zeitgeschehen

In einem Interview mit dem Radiosender MDR Kultur sagt der gefragte Regisseur, es sei an der Zeit, dass Künstler sich mit drängenden Themen wie Populismus und Rechtsradikalismus auseinandersetzen, da Politik und Journalismus längst an ihre Grenzen gekommen seien.

Fazit

Absolut sehenswert! Eine gelungene Literaturverfilmung, die den Buchautor und seine Absichten ernst nimmt, und dabei ihren Handlungsspielraum nutzt und eigene Schwerpunkte setzt. 

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